Allgemein

Opa

Wer seine Kindheit mit seinen Großeltern verbringen durfte, weiß, was Dankbarkeit heißt. Wie dankbar man ist für diese Zeit und die damit verbundenen Erfahrungen, die andere nicht machen konnten. Meine Schwester und ich sind mit unseren Großeltern aufgewachsen, weil wir alle zusammenwohnen. Typisch Dorf eben. Seit der Geburt leben wir Tag für Tag mit Oma und Opa in einem Haus und lieben es. Wir hatten sozusagen vier Elternteile, die einen mehr, die anderen weniger gechillt. 😉

Es gibt zu jedem Möbelstück, zu jedem Jahr, zu jeder Feierlichkeit, ja fast zu jedem Thema Erinnerungen, die wir gemeinsam erlebten.

Umso schwerer ist es, wenn man Abschied nehmen muss, denn wir müssen ja weiterleben. Am gleichen Ort. Mit denselben ganzen Erinnerungen. Mit dem Stuhl auf dem er saß oder mit seinem Lieblingslöffel. Das ist irgendwann schön. Man will ja auch alles behalten. Aber anfangs schmerzt es, weil man an nichts anderes denken kann.

Mein Opa war für mich immer ein ganz kluger Mensch, der irgendwie zu allem irgendetwas wusste. Er hatte eine harte Schale, die die meisten Menschen kannten. Und einen ganz weichen, liebevollen, lustigen, frechen, hilfsbereiten und vor allem liebenswürdigen Kern, den wir kannten. Und wenn ich wir sage, meine ich meine Schwester und mich. Seine zwei Mädchen. Er war auch ein ganz besonderer Mensch, der eine Art Beständigkeit und Sicherheit ausstrahlte, weil man wusste, er ist selbstverständlich da. Man kann zu Oma und Opa gehen und er wird da sitzen, weil er immer da sitzt. Und nun ist dieser Platz leer und wird es bleiben. Leider. Die Zeitspanne, die man braucht, um es zu akzeptieren ist noch nicht vorbei. Wir trauern und leiden immer noch. Man lernt nur damit umzugehen. Akzeptiert wurde dieser unheimliche und fast gar nicht aushaltbare Verlust noch nicht. Wie auch? Jeden Tag miteinander verbracht und sich lieb gehabt und jetzt darf man das nicht mehr.

Nichtsdestotrotz bleiben eben doch diese anfangs schmerzhaften Erinnerungen, die ich versuche, so gut wie möglich in meinem Kopf zu speichern, um hoffentlich kein einziges Detail zu vergessen. Keinen Augenblick und keine einzelne Betonung seiner Stimme, seines Lachens oder seines typischen Hustens. Wie jedes Enkelkind auch, habe ich viel von meinem Opa bzw. generell von beiden Großeltern gelernt und darüber bin ich so froh!

Das Pfeifen.
Ja, wir haben von Opa Pfeifen gelernt. Er hatte es nicht ganz einfach mit uns, wir haben uns ziemlich blöd angestellt. Aber Opa meinte, dass pfeifen total wichtig sei. Allein schon, um unseren Hund zu rufen. Wenn ich mich zurückerinnere, hat Opa ganz schön oft gepfiffen, damit wir zu ihm gucken und er uns dann angrinsen konnte. Mehr wollte er in diesem Moment gar nicht.

Die wirklich wichtigen Dinge schätzen lernen.
Mein Opa war leider nicht gesegnet von einem gesunden Leben. Er hatte immer irgendwas, worum man sich Sorgen machen musste. Bis zum Schluss. Meistens auch mit Krankenhausaufenthalten verbunden. Er hat mir indirekt beigebracht, wirklich dankbar zu sein, wenn man seine Familie um sich hat, wenn man gesund ist, wenn man ein gutes Leben führen kann und man es wertschätzen sollte. Auch bis zum Schluss. Und dass es das wichtigste überhaupt ist, füreinander in ausweglosen Situationen da zu sein, auch wenn es so schwer ist und kaum aushaltbar erscheint. Danke, dass du mich stark gemacht hast, Opa.

Hilfsbereit sein und Dinge tun, auf die man stolz sein kann.
Da wir auf einem Bauernhof aufgewachsen sind, war immer etwas zu tun und wir mussten mit anpacken. So gar nicht girly, aber nötig. Ob es die Ställe ausmisten oder Traktor fahren war, Opa ließ uns alles mal auspobieren und zeigte uns, dass er stolz auf uns ist, wenn wir mal etwas ausprobierten oder uns etwas getraut haben, was wir anfangs immer verneinten.

Nicht zu allem JA und AMEN sagen.
Sich auch mal rarmachen und nicht immer springen, wenn jemand ruft, habe ich auch von Opa gelernt. Sich selbst schätzen lernen und auch mal nein sagen, wenn man keine Lust hat. Und es nicht jedem rechtmachen zu wollen.

Ein Tier großziehen.
Eine der schönsten Erfahrungen meines Lebens. Mein Opa hatte, als ich noch klein war (so circa 9 Jahre), eine Schafherde. Ein neugeborenes Lamm wurde von der Mutter verstoßen und Opa fragte mich, ob wir nicht versuchen wollen, das kleine Lamm aufzuziehen. Am Anfang half er mir noch, zeigte mir alles. Als ich diese gewisse Routine darin hatte, fuhr ich jeden Tag in den Schafsstall, bis Freddy (so haben wir ihn getauft) ein ausgewachener Bock war, der jedoch auf mich hörte, wie ein Hund. Ich könnte heute noch platzen vor Stolz, wenn ich darüber nachdenke und bin meinem Opa so dankbar für die Chance, soetwas erlebt zu haben.

Und noch so viele weitere Dinge. Zuletzt haben meine Schwester und ich gelernt, dass wir beide alles zusammen durchstehen können. Und Opa hat seinen Teil dazu beigetragen, indem er uns immer das Gefühl gegeben hat, dass es richtig ist, dass wir da sind und ihm und uns Halt geben, als alle anderen vielleicht schon aufgegeben hatten.

 

Danke für alles, was ich durch dich weiß.
Danke für alles, was ich mit dir und durch dich erlebt habe.
Danke dafür, dass es DICH gab.

In Liebe,
Lisa

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